Ayse Brunner-Schachinger ist eine der wenigen Menschen außerhalb Japans, die Kimonos anfertigen. Das neueste Mitglied bei paper republic (hier geht's zu den offenen Stellen) erzählt, wie sie damit angefangen hat, warum sie Kimonos liebt und wie sie die japanischen Stücke in ihrem Notizbuch entwirft.

Warum Kimonos?

Ich bin der Kimono-Herstellung zum ersten Mal begegnet, als ich an der Universität für angewandte Kunst Wien Kunst und Gestaltung auf Lehramt studierte. Nachdem ich meinen ersten Kimono gemacht hatte, war ich süchtig – ich konnte nicht mehr aufhören. Aus einem Kimono wurden schnell fünf und meine Faszination für die komplexen Techniken und Traditionen hinter dieser uralten Handwerkskunst wuchs immer weiter.

Wie macht man einen Kimono und was ist das Besondere daran?

Die Kimono-Herstellung ist in der Welt der Textilien ein einzigartiger Prozess, denn ein traditioneller Kimono wird aus nur einem einzigen Quadrat Stoff angefertigt. Es wird nichts abgeschnitten, kein Fetzen verschwendet. Die gesamte Form wird nur durchs Zuschneiden, Falten und Nähen geschaffen. Zum Waschen müssen Kimonos traditionell auseinandergenommen werden!

Ich lasse mich von traditionellen Nähtechniken inspirieren und interpretiere sie neu. So entstehen Kimonos, die zeitlose Handwerkskunst mit aktuellen Modetrends vereinen. Ich arbeite vor allem mit Leinen, Baumwolle und Loden statt mit Seide und entwerfe Stücke für alle Jahreszeiten: leichte, luftige Sommer-Kimonos und längere mit mehreren Lagen für kältere Monate.

Warum gefällt dir der Anfertigungsprozess von Kimonos so sehr?

Das erste Stoffquadrat ist meine leere Leinwand – ein leerer Raum mit unendlich vielen Möglichkeiten. Er lädt zur Gestaltung ein; möchte bemalt, bestickt, bedruckt und verändert werden. Jede Markierung, jeder Faden fügt dem Ganzen eine Bedeutungsebene hinzu und wenn alles zusammenkommt, hat man am Ende ein Kleidungsstück. Ein Kunstwerk zum Tragen, das sich mit dir durchs Leben bewegt und alltagstauglich ist.

Das zu erkunden, liebe ich – die Betrachtung jedes Kimonos als einzigartiges Kunstwerk. Ich finde auch toll, dass Kimonos in Japan zur Kommunikation genutzt werden können. Die Ärmellänge, wie du ihn schließt oder bindest, wie viele Lagen du trägst – es gibt eine komplette Geheimsprache rund um den Kimono.

Fertigst du deine Kimonos auf Bestellung an oder stellst du sie erst her und bietest sie dann zum Verkauf an?

Normalerweise gestalte ich sie vor allem als Kunstwerk. Sobald ich damit fertig bin, findet der richtige Kunde oder die perfekte Kundin erfahrungsgemäß von selbst zu mir. Ich habe zum Beispiel mal einen Kimono mit einer großen Stickerei auf dem Rücken angefertigt und speziell für dieses Stück auch einen Siebdruck angefertigt.

Das Ganze hatte ein Insektenthema und war wirklich viel Arbeit. Ich habe diesen Prozess sehr genossen. Aber als der Kimono fertig war, dachte ich: Wer würde sowas tragen? Denn er war sehr speziell und recht einmalig. Aber dann kaufte eine Freundin ihn für ihre Hochzeit! Sie liebt den Kimono immer noch und trägt ihn auch im Alltag. Irgendwie landen meine Kimonos immer von selbst in den richtigen Händen.

Steigt das Interesse an Kimonos in Europa?

Ja. Alleine, dass man Kimonos bei Ketten wie H&M findet, zeigt, wie weit verbreitet sie in der heutigen europäischen Kultur mittlerweile sind. Aber diese Faszination ist nicht neu. Der Kimono hat eine lange und komplexe Geschichte.

Was wir in den Schaufenstern sehen, ist jedoch häufig nur ein Echo der Silhouette: Morgenmäntel oder Überwürfe, die nur in der Form an Kimonos erinnern und aus billigen Materialien bestehen. Aber weltweit erfinden auch viele Designer den Kimono mit Respekt und Kreativität neu und lassen sich von seinem Wesen zu neuen Interpretationen inspirieren, die Tradition und Moderne verbinden.

Wie machst du aus einer Idee einen fertigen Kimono?

Während meines Kunststudiums an der Universität musste jedes Projekt mit einem Plan umgesetzt werden, also einer klaren Vision des finalen Resultats. Viele meiner Arbeiten waren auf die eine oder andere Weise mit dem Kimono verwoben und es wurde von mir erwartet, dass ich das endgültige Stück genau vor Augen hatte.

Heute ist mein Gestaltungsprozess viel intuitiver und natürlicher. Ich fange mit zehn Stoffen an, aus denen ich mir eine taktile Palette als Grundlage zusammenstelle. Daraus wähle ich einen als Hauptstoff aus und kombiniere ihn mit den anderen. Manchmal kommt von einem Stoff nur ein zwei Zentimeter langer Streifen als kleines Detail mit rein.

Es fühlt sich eher wie Malen an als wie traditionelles Modedesign. Ich fange oft mit einem Gefühl oder Thema an, nicht unbedingt mit einem genauen Bild im Kopf. Vor Kurzem habe ich zum Beispiel einen Kimono als Hochzeitsgeschenk für Freunde angefertigt. Sie haben einen kleinen Windhund und ich wollte, dass er Teil der Geschichte ist, also entwarf ich ein individuelles Windhund-Muster für das Innenfutter des Kimonos.

Normalerweise brauche ich etwa zwei Wochen, um einen fertigzustellen. Jeder Kimono hat eine Nummer. Und jeder ist einzigartig, auch wenn einige zu einer Kollektion gehören. Ich habe bis jetzt um die dreißig hergestellt.

Welche Rolle spielen deine Notizbücher für deine Designs?

Mein Gestaltungsprozess beginnt oft mit kleinen Skizzen in meinem grand voyageur [pocket]. Ich liebe das Zeichenpapier von paper republic für unterschiedliche Medien. Die Struktur lädt zum Experimentieren ein. Darauf kann ich mich frei entfalten und mit unterschiedlichen Markern und Stiften, sich überlagernden Linien und Texturen herumspielen.

Manchmal tackere ich sogar kleine Stoffstücke direkt auf die Seiten, sodass Zeichnung und Textilie in einen spontanen Dialog verfallen. Solche spielerischen Erkundungen bringen grobe Ideen hervor und sobald die Ideen sich konkretisieren, verfeinere ich sie schließlich und setze sie mit dem Stoff um.

Möchtest du mal nach Japan und die Kimono-Herstellung im Herkunftsland erleben?

Traditionelle japanische Techniken wie Nähen, Einfärben und Besticken faszinieren mich total. Eines Tages kann ich hoffentlich das Land besuchen und all diese handwerklichen Techniken aus erster Hand erleben. Ich möchte auch direkt an der Quelle mehr über die Philosophie und Präzision hinter der Kimono-Kunst lernen.

Aber meine Neugier geht auch über Japan hinaus. Es gibt auf der Welt so viele weitreichende, textile Traditionen, die tief in ihrer eigenen Kultur und Umgebung verwurzelt sind. Ich fände es toll, diese Techniken an ihren Ursprungsorten zu erkunden und direkt von den Leuten zu erlernen, die sie am Leben erhalten.

Welche Ausrüstung braucht man, um Kimonos anzufertigen?

Meine Grundausrüstung ist simpel: Schere, Messband, Nadel und Faden und eine Nähmaschine. Ich habe auch schon Kimonos komplett per Hand genäht, aber das ist sehr zeitaufwendig und die Nähte sind mit Nähmaschine oft robuster. Ein Bügeleisen ist ebenso unverzichtbar, denn jede Naht muss sorgfältig gepresst werden. Die einzige Ausnahme sind Wollkimonos, weil Wolle von Natur aus nicht knittert.

Du arbeitest hier bei paper republic in der Produktion und fertigst Ledernotizbücher per Hand an. Was gefällt dir an deinem Arbeitsplatz bei uns?

Ich mag, dass es im Team – eigentlich im ganzen Unternehmen – ganz viele Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen gibt. Das ergibt einen sehr interessanten Arbeitsplatz. Und viele sind kreativ, stellen Kunstwerke und Designs her oder illustrieren. Ich glaube, all diese Leute fühlen sich von paper republic angezogen, weil wir alle den Drang haben, mit den Händen zu arbeiten und aus unterschiedlichen Materialien Dinge anzufertigen.

Ayse lebt und arbeitet in Wien. Sie hat an der Universität für angewandte Kunst Wien gearbeitet und einen Master of Arts in Textildesign von der Kunstuniversität Linz. Ihre wundervollen Kimonos kannst du dir bei Instagram oder auf ihrer Website anschauen: AyseBrunner.at.

Alle Kimono- und Portraitfotos sind urheberrechtlich geschützt und stammen von Laura Melone.

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