Sophie Galvagnon kletterte die Karriereleiter in der männerdominierten Schifffahrt hoch und wurde die erste weibliche Kapitänin eines kommerziellen Polarschiffs. Nach 17 Jahren auf dem Eis entwickelt sie jetzt mit ihrer neuen Firma Selar die nächste Generation nachhaltiger Polarschiffe zur Erforschung der Arktis.

Im Interview erzählt sie, warum sie sich in das ewige Eis verliebt hat, wofür sie an Bord ihr Notizbuch nutzt und wie viele Eisbären sie schon gesehen hat (Spoiler: jede Menge!).

Woher kommst du?

Meine Mutter war Schwedin und mein Vater Franzose. Ich bin hauptsächlich in Frankreich aufgewachsen, aber wir verbrachten jedes Jahr drei Monate in Schweden. Als Erwachsene kehrte ich 2012 dahin zurück und arbeitete dort bis 2017, auch um speziell auf Eisbrechern zu arbeiten und die dortige Seefahrtschule zu besuchen. Denn in Schweden gibt es viel mehr Expertise in der Navigation auf dem Eis als in Frankreich.

Was hat dich an der Schifffahrt angesprochen?

Ich habe mich dem Meer schon immer stark verbunden gefühlt. Mein Vater war Schiffskapitän, von ihm habe ich den Drang, auf hoher See zu arbeiten. Die Marine oder das Militär passten nicht gut zu mir, also erschien mir die kommerzielle Schifffahrt wie der richtige Weg.

Ich fing in den Maschinenräumen verschiedener Frachter an, was sehr weit von meiner heutigen Arbeit entfernt ist. Aber durch die Arbeit auf den Frachtschiffen wurde mir klar, dass ich vor allem an dem schönen Ausblick vom Deck und einer abwechslungsreicheren Tätigkeit interessiert war. Das ist auf Containerschiffen eher unüblich.

Woher kommt dein Interesse an der Arktis und den Eisbrechern?

Ich entdeckte das Eis während meiner Ausbildung für mich. Ich war auf einem Kreuzfahrtschiff auf dem Weg durch die Antarktis und verliebte mich Hals über Kopf. Es war dasselbe Gefühl wie für einen anderen Menschen – eine starke Anziehung für diese Art der Schifffahrt und diese atemberaubende Eislandschaft.

Ich wusste sofort, dass mein restliches Leben davon bestimmt sein würde. Aber mir war auch klar, dass ich nicht ins Modell der großen Kreuzfahrtschiffe passte. Da fing ich also an, meine Karriere zu überdenken, und tiefer in die technische Expertise der Navigation im Eis einzusteigen. Und ich wollte einen Weg finden, die Arktis im Rahmen meiner Werte zu bereisen und diese abgelegenen Gegenden besser zu erkunden.

Nach dieser ersten Erfahrung im Eis ging ich wieder nach Schweden und ließ mich weiter in der Eisnavigation ausbilden. Dann ging ich zur Eisbrecherflotte des Landes und verbrachte 10 Jahre damit, die Arktis zu erkunden.

Als Kapitänin in einer sehr männlich dominierten Branche bist du eine Seltenheit. Wie hast du das erlebt?

Ich war die erste Frau mit Kommando über ein kommerzielles Polarschiff, aber auch insgesamt gibt es unter den Schiffscrews weltweit nur 2 % Frauen. Der Zweig der Polarkreuzfahrten stammt aus Skandinavien, das in Bezug auf Gleichbehandlung im Arbeitsumfeld schon immer etwas fairer war.

Und wenn du in einer abgelegenen, lebensfeindlichen Umgebung auf einem Schiff unterwegs bist, musst du mit der restlichen Besatzung zusammenarbeiten. Du musst auf sie zählen können. Ich glaube, das bietet eine Gelegenheit zu zeigen, dass es möglich ist, die Branche gleichberechtigter zu machen.

Wenn ich an Bord bin, kämpfe ich jeden Tag dafür, uns nicht in Männer und Frauen zu unterscheiden. Wir sind Offiziere, Kapitäninnen, Besatzungsmitglieder, Ingenieurinnen und so weiter. Wir haben alle eine Rolle auszuführen und dafür ist das Geschlecht irrelevant.

Wie nutzt du als Schiffskapitänin dein Notizbuch?

Wenn ich an Bord eines Schiffs bin, trage ich immer ein Notizbuch bei mir und schreibe viel. Immer, wenn ich etwas entdecke – eine Methode, neue Informationen, Feedback – schreibe ich es auf. Mein Notizbuch war am Anfang ziemlich technisch und faktisch, aber dann fing ich auch an, über meine persönlichen Gefühle zu schreiben. Denn die innere Reise hat mich mehr beeindruckt als die Erforschung und Entdeckung der Landschaft und Tiere: Ich fand mich selbst wieder und baute wieder eine Verbindung zur Natur auf. Das war so eindrucksvoll, dass ich es aufschreiben musste.

Die von dir mitbegründete Firma Selar bietet Arktis-Expeditionen an und ermutigt Teilnehmende, ihr Leben zu Hause für den Moment zurückzulassen und sich auf das Hier und Jetzt der Arktis einzulassen. Warum?

Ja, genau. Es gibt kein WLAN auf unseren Schiffen, wir sind komplett vom Rest der Welt abgeschottet. Dadurch können die Teilnehmenden wirklich präsent sein. Wir geben an alle Ledernotizbücher von paper republic aus, damit sie ihre Erfahrungen aufzeichnen können. Meiner Erfahrung nach fühlen sich viele Menschen von der Reise auf einem Polarschiff dazu inspiriert, Notizen oder Tagebuch zu schreiben. Die Kommunikation mit den Lieben zu Hause ist aber natürlich auch nicht komplett verboten: Man kann vom Schiff aus ein gutes altes Telegramm verschicken!

Was an der Arktis liebst du so sehr?

Ich liebe das Eis unendlich. Wann immer ich mit dem Schiff auf dem Weg nach Norden bin, kann ich es kaum erwarten, ins Eis zu kommen. Ich liebe die Rauheit dieser Kraft; die pure Naturgewalt, durch die man sich so klein und verletzlich vorkommt.

Das Eis hat auch eine gewisse Poesie, weil es sich ständig verändert. Nicht nur über die Jahre, sondern auch im Tagesverlauf. Die Farbe ändert sich, das Eis bewegt sich, driftet und bricht. Es ist ein ewiges Schauspiel.

Du bist auf Eisnavigation in unerforschten Gegenden spezialisiert. Gibt es überhaupt noch unbekannte Teile der Welt?

Ja. Sogar heute noch gibt es Bereiche der Arktis, die noch nie erkundet wurden. Orte, wo wir nicht einmal Karten der Küstenlinie haben, keine Tiefenkarten, gar nichts. Für mich sind diese Gegenden besonders aufregend. Immer, wenn ich eine leere Stelle auf einer Karte entdecke, denke ich: Da muss ich hin und herausfinden, was dort ist.

Es gibt keine spezifische Ausbildung für diese Art der Erkundung, aber man kann Techniken aus alten Büchern früherer Forscher ableiten. Wir haben unser Schiff mit einem Mehrstrahl-Sonar ausgestattet, sodass es jetzt deutlich sicherer sein wird, solche unbekannten Gegenden zu befahren.

Bei Selar habt ihr eine unglaubliche neue Generation von Schiffen entwickelt. Erzähl uns mehr darüber.

In der Schiffskonstruktion hat sich jahrzehntelang nur sehr wenig getan, aber die Welt steht vor neuen Herausforderungen und dafür brauchen wir neue Denkansätze. Also haben wir unser Schiff von Grund auf neu entworfen. Vom Rumpf über das Antriebssystem bis zu den Materialien haben wir alles überdacht. Dabei haben wir sowohl aus dem bestehenden Wissensschatz geschöpft, als auch disruptive Entscheidungen getroffen, die wir für die heutige Zeit richtig finden.

Wir nutzen halbfeste Solar-Segel für Windantrieb und Elektrizität. Auf den Segeln befinden sich jeweils 185 m² Solarpaneele, die uns mit all der Energie versorgen, die wir an Bord brauchen. Und wenn wir Überschüsse generieren, speichern wir diese in großen Akkus für die Schiffspropeller. Falls uns jemals der Strom ausgeht, haben wir Biokraftstoffmotoren als Backup und für die Wärmeerzeugung Pelletöfen, die mit Holzabfällen befeuert werden.

Hoffst du, dass der Rest der Schifffahrtsbranche sich ein Beispiel an eurem neuen Schiffsmodell nimmt?

Ja, ich hoffe, dass der demonstrative Erfolg unseres umweltfreundlichen Schiffs einen Wandel anstößt. Genau wie Tesla die Revolution der elektrischen Autos ausgelöst hat, hoffen wir, den Wandel zu nachhaltigeren Schiffen in der Branche antreiben zu können.

Letzte Frage: Wie viele Eisbären hast du gesehen?

Über 550.

paper republic arbeitete mit Sophie und ihrem Team gemeinsam einem grand voyageur im Selar-Design für ihre arktischen Passagierinnen und Passagiere. Hol auch du dir ein personalisiertes Notizbuch für dein Unternehmen oder erfahre mehr über Kapitänin Galvagnons  inspirierende Arbeit auf Selar.cc.

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