Natalie Grueninger machte aus ihrem Interesse am Tudor-Zeitalter einen Vollzeitjob. Wie die Australierin schließlich zur Expertin und Autorin für diese faszinierende Zeit in der Weltgeschichte wurde, welche Rolle ihre Notizbücher bei der Recherche spielen und was für Notizbücher die Tudors wohl genutzt haben, erfährst du im Interview.

Von wo in Australien kommst du?

Ich bin in der Nähe von Sydney geboren und aufgewachsen. Meine Eltern kommen aus Uruguay und ich habe auch ein paar Verbindungen nach Europa, habe aber mein ganzes Leben hier verbracht und liebe es hier. Ich reise ziemlich oft und bin regelmäßig für Recherche und Urlaub in England. Mein Mann arbeitet für eine Fluggesellschaft, daher können wir zum Glück etwas günstiger fliegen als die meisten Leute.

Wie kommt man als Australierin mit südamerikanischer Abstammung dazu, Tudor-Expertin zu werden?

Als ich etwa 19 Jahre alt war, lieh meine Schwester mir das Buch Das Vermächtnis der Anne Boleyn von Robin Maxwell. Sie war als zweite Ehefrau von Heinrich VIII. Königin von England. Das Buch machte mich neugierig auf diese unglaubliche Frau und jetzt erforsche ich seit 20 Jahren ihr Leben.

Kurz nachdem ich das Buch durchgelesen hatte, bereitete ich mich auf eine Reise nach Europa vor und hatte ganz am Anfang auch ein paar Tage in London. Wir besuchten den Tower of London und ich verliebte mich Hals über Kopf in die Architektur. Ich weiß noch, wie ich dachte: Wow, das ist 1000 Jahre alt!

So etwas haben wir in Australien einfach nicht. Unser Land an sich ist zwar alt, aber wir haben kein solches kulturelles Erbe. Ich war total hin und weg. Und von dem Moment an wurde mein Interesse an Boleyn und den Tudors immer größer.

Wie wurde aus deinem Hobby schließlich ein Beruf?

Eine ganze Weile lang las ich jedes Buch über die Tudors, das ich kriegen konnte. Ernst wurde es dann langsam, als ich 2009 meine Website mit dem Titel On The Tudor Trail („Auf den Spuren der Tudors“) erstellte. Dort erläuterte ich die Geschichte der Tudors anhand ihrer Häuser, Paläste und anderen Wohnorte.

Irgendwann fing ich an, für die Website Expertinnen und Experten aus Literatur und Historik zu interviewen. Und dadurch lernte ich eine mittlerweile gute Freundin kennen und wir entschieden, ein Buch über unsere gemeinsame Leidenschaft zu schreiben.

So entstand unser erstes Buch: In The Footsteps of Anne Boleyn („In den Fußstapfen der Anne Boleyn“). Und von da aus entwickelte es alles ein kleines Eigenleben – mittlerweile habe ich vier umfangreiche Bücher geschrieben. Und weil ich so gerne über die Tudors spreche, dachte ich mir 2018, warum nicht einen Podcast ausprobieren? Das Ergebnis war Talking Tudors. Es war ein langer Weg bis hierher, mit viel Weiterentwicklung und Anpassung. Aber im Kern ging es immer darum, die Geschichte der Tudors möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen.

Die Tudors haben unzählig viele Menschen mit Büchern, TV-Serien und Filmen aus jener Zeit in den Bann gezogen. Woher kommt die Faszination?

Das Tudor-Zeitalter ist die erste Epoche, aus der wir umfangreiche visuelle Aufzeichnungen haben. Die Gemälde aus vorherigen Zeiten hatten nicht unbedingt viel Ähnlichkeit mit den Königinnen und Königen. Doch zur Zeit der Tudors gab es eine Explosion an Portraits und diese zeigten uns zum ersten Mal, wie die Menschen wirklich aussahen.

Außerdem war diese Zeit von reichlich Drama geprägt. Es war eine brutale Zeit, mit vielen Schlachten und Exekutionen, aber auch eine sehr ästhetische Periode in Bezug auf Mode, Juwelen und majestätischer Eleganz.

Und dann gibt es noch all die politischen Dinge: die Reformation, der Bruch mit Rom, ein König mit sechs Ehefrauen, der am Ende eine Jungfrau zur Königin macht. Es ist einfach eine faszinierende Geschichte, die manchmal schwer zu glauben ist. Aber so war es wirklich!

Ich glaube außerdem auch, dass die Epoche für uns auch heute noch Bezugspunkte bietet. Sie liegt lange genug zurück, um spannend zu sein – aber nicht so weit wie beispielsweise das alte Ägypten, das so völlig anders war als alles, was wir heute kennen.

Wie nutzt du deine Notizbücher zur Recherche über die Tudors und für dein Privatleben?

Mein Kalender von paper republic ist mir sehr wichtig, denn ich arbeite in verschiedenen Zeitzonen. Also nutze ich den, um organisiert zu bleiben. Und ich bin einfach jemand, der gerne mit Stift und Papier schreibt. Ich veranstalte jede Menge Onlinekurse und auch Events, benutze also dafür den Kalender und auch für meine privaten Termine.

Dann habe ich noch mein „Commonplace book“ (auch Kollektaneenbuch genannt). Das ist mein Notizbuch für alle möglichen Notizen unterwegs, das ich immer bei mir trage. Ich habe auch noch eins, in dem ich Zitate, Anekdoten und kleine Textfetzen notiere, die ich interessant finde. In einem weiteren Notizbuch zeichne ich meine Recherchen auf und dann habe ich noch eins für meine Reisen. Ich bin ein kreativer Mensch und liebe es, freien Platz zum Schreiben und Brainstormen zu haben. Außerdem mache ich gerne Listen. Also ja, ich nutze die Notizbücher ziemlich intensiv!

Was gefällt dir an den Notizbüchern von paper republic?

Ich mag den Gedanken, meine Notizbücher später mal zu vererben. Das klingt etwas morbide, aber das gefällt mir. Die Papier-Refills werden natürlich vollgeschrieben und dann ausgetauscht, aber ich finde es toll, dass das Ledercover noch lange weiterleben kann.

Das liegt wohl daran, dass ich Geschichte liebe und alles, was mit Erzählungen zu tun hat. Ich finde es schön, dass mein Notizbuch selbst im Laufe meines Lebens zu einem historischen Artefakt wird. Zu etwas Dauerhaftem.

Zweitens sind die Notizbücher einfach schön zu haben. Es macht mich glücklich, sie in die Hand zu nehmen.

Wie hat die Recherche über das Leben der Tudors dein eigenes Leben beeinflusst?

Was als Hobby und einfaches Interesse anfing, ist mittlerweile zu meinem Vollzeitjob geworden. Ich mache das jetzt das dritte Jahr in Vollzeit. Vorher war ich Lehrerin an einer Grundschule und beschäftigte mich nebenher mit den Tudors. Das in Vollzeit zu machen, war immer mein Traum, aber es ging mir hauptsächlich um meine Leidenschaft für das Thema. Ich fühle mich dazu berufen; als würde ich sonst verkümmern.

Das weiß ich genau, weil ich mal versucht habe, damit aufzuhören. 2009, als meine Kinder noch klein waren, hatte ich so viel zu tun. Ich dachte, ich sei durch mit dem Thema. Das sei es gewesen mit der Geschichte der Tudors. Aber mir ging es furchtbar damit. Es war fast wie bei einer Trennung! Jetzt weiß ich, dass diese Arbeit mich glücklich macht. Also mache ich damit weiter.

Was sind die Herausforderungen, wenn man versuchen will, das Leben von Menschen von vor 500 Jahren nachzuvollziehen?

Die größte Hürde sind die wenigen Quellen, besonders über Frauen. Und wenn es Quellen gibt, wurden diese meist von Männern geschrieben. In den Zeiten der Tudors war die Gesellschaft zutiefst patriarchal geprägt. Die Regeln wurden Männern gemacht und waren darauf ausgerichtet, Frauen zu unterdrücken.

Ich beschäftige mich mit den Frauen der Adelsgeschlechter. Mehr über „normale“ Frauen herauszufinden, ist sehr schwierig, weil die meisten von ihnen keinerlei Spuren hinterlassen haben. Anne Boleyn war Königin und selbst über sie gibt es nur wenige Aufzeichnungen. Und das war eine Person aus einer sehr reichen Familie, die dann in die Königsfamilie aufstieg.

Als Historikerin muss ich mich bei allen Aufzeichnungen immer fragen, wer diese verfasst hat und was diese Person für eine Agenda hatte. Es geht hier um eine Zeit voller Misogynie. Frauen wurden in allen Belangen als unterlegen betrachtet: körperlich, mental, emotional und moralisch.

Wann immer also ein Mann etwas tat, was er vielleicht lieber hätte lassen sollen, wurde zuerst eine Frau aus seinem näheren Umkreis beschuldigt. So funktionierte das halt. Und das macht es natürlich schwer, die Wahrheit herauszufinden.

Deshalb ist es so wichtig, Informationen durch viele unterschiedliche Quellen zu bestätigen und Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Manchmal fragen die Leute: „Warum recherchierst du Anne Boleyn, die hat doch vor 500 Jahren gelebt. Wen interessiert das?“

Aber ich finde es wichtig. Denn die Art und Weise, wie wir über Frauen aus der Vergangenheit sprechen, beeinflusst auch, wie wir heute über Frauen sprechen. 

Zu guter Letzt: Hatten die Tudors Notizbücher? 

Während des 16. Jahrhunderts lernten immer mehr Menschen das Lesen und Schreiben. Briefe wurden zu einem beliebten Kommunikationsmittel, aber Papier war sehr teuer. In Zeiten der Tudors war das Schreiben also vor allem etwas für wohlhabende Menschen.

Mein eingangs erwähntes Kollektaneenbuch ist tatsächlich eine Erfindung des 16. Jahrhunderts. Darin schrieb man sich Dinge wie Rezepte, medizinische Zusammenstellungen, kurze Zitate oder Texte auf.

Was auch an Beliebtheit gewann, war das Schreiben in gedruckten Büchern oder Manuskripten – kleine Anekdoten oder kurze Notizen. Es gibt ein gut erhaltenes Gebetsbuch, in dem König Heinrich unter einem Bild eine kurze Nachricht hinterließ, auf die Anne antwortete und so weiter. Es ist ein religiöser Text, aber sie nutzten ihn als Kommunikationssystem.

Die Tudors nannten sie also vielleicht nicht Notizbücher. Aber sie nutzten definitiv Tinte und Papier, um Informationen aufzuschreiben und Gedanken miteinander zu teilen.

Die Australierin Nadine Grueninger ist Tudor-Historikerin, Autorin, Speakerin und Podcasterin. Mehr über ihre faszinierende Arbeit liest du unter NatalieGrueninger.com oder bei Patreon.

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