Phillippa Henley ist Bildhauerin, Textilkünstlerin und Mitgründerin von Rùda Studio. Sie erzählt uns, wie sie eine verfallenen Ruine in einem winzigen schottischen Dorf in eine Galerie umwandelte, warum analoges Handwerk heute wichtiger ist denn je, und wie ihre Notizbücher sie auf jedem Schritt dieses Weges begleitet haben.

Erzähl uns mehr über Rùda Studio und seine Entstehungsgeschichte
Ich komme ursprünglich aus dem Nordosten Englands und habe Bildhauerei am College of Art in Edinburgh studiert, wo ich meinen Partner Shaun im Unterricht kennengelernt habe. Wir haben schon immer darüber gesprochen, eines Tages ein eigenes Studio zu eröffnen.
Wo genau das sein sollte, stand eine Weile nicht fest. Vielleicht in Edinburgh, vielleicht im Nordosten. Schließlich haben wir uns für einen Mittelweg entschieden und uns an der Grenze zwischen Schottland und England niedergelassen, wo Shaun herkommt. Wir wollten beide auf dem Land leben, weil unsere Praktiken sehr stark mit der Landschaft und den Orten verknüpft sind, die uns umgeben.
Das war 2010. Seitdem haben wir überall und nirgendwo gearbeitet, wie die meisten Kunstschaffenden: am Küchentisch, im Garten, ständig am Stolpern über unsere Ausrüstung. Wir waren lange auf der Suche nach den richtigen Räumlichkeiten, aber haben nie etwas Passendes oder Erschwingliches gefunden. Und dann wurde die Immobilie gegenüber vom Buchladen im Dorf frei. Sie war in einem furchtbaren Zustand, eine echte Ruine. Aber verrückt, wie wir sind, entschieden wir uns dafür.
Ursprünglich war sie nur als Atelier gedacht, doch mittlerweile ist sie auch eine Galerie. Das Gebäude liegt direkt an der Hauptstraße und hat große, schöne Fenster. Der perfekte Raum also, um unsere Arbeiten auszustellen. Wir wohnen im Obergeschoss. Die Rückseite des Gebäudes ist immer noch eine Baustelle, soll aber in den nächsten Jahren unser Atelier werden, mit einer Holz- und Metallwerkstatt sowie einem Färberaum. Das wäre dann der nächste Schritt.

Was bedeutet der Name?
Wir wollten nicht unsere eigenen Namen über der Tür anbringen, die sind zu lang. Stattdessen suchten wir nach einem Namen, der alles zusammenfasst, was wir tun. Ich entdeckte das gälische Wort Rùda 2016 auf einem Recherchetrip zur Isle of Iona und schrieb es einfach immer wieder in meine Skizzenbücher. In jedem einzelnen Skizzenbuch aus der Zeit ist das Wort zu finden. Und ich wusste, dass ich es eines Tages für irgendetwas nutzen würde. Es heißt „Widder“ auf Gälisch und ist damit auch eine Anspielung auf die Woll- und Schafproduktion, für welche die Region berühmt ist.

Erzähl uns mehr über deine personalisierten Notizbücher und wie du sie in deinem Alltag benutzt
Seit ich etwa vierzehn bin, habe ich immer ein Skizzenbuch und bewahre noch immer jedes einzelne auf. Ohne Skizzenbuch fühle ich mich komplett verloren. Es ist ein so persönlicher Gegenstand, der einem wirklich ans Herz wächst.
Ich nutze mein generelles Skizzenbuch und mein Notizbuch von paper republic, das fast wie ein Ordner funktioniert. Darin habe ich meinen Kalender, mit dem ich generell mein Leben organisiere, unser kleines Notizbuch mit Rùda-Branding und ein Kreativbuch von paper republic für spontane Skizzen unterwegs.
Mein Notizbuch ist eine Erweiterung meines Denkens und meiner Recherchen und begleitet mich überallhin. Wir Kunstschaffende, besonders aus der Bildhauerei, sind echte Elstern. Wir sind immer am Sammeln und mein Notizbuch steckt voller Kleinigkeiten, die ich irgendwo gefunden und eingesteckt habe. Das liebe ich daran.

Die Notizbücher, die paper republic für Rùda hergestellt hat, tragen unseren Namen als Prägung auf der Rückseite. Das gefällt mir richtig gut. Anstatt die Standard-Einlagen von paper republic zu verwenden, haben wir unsere eigenen vor Ort anfertigen lassen. Sie sind wunderschön geworden und haben Deckblätter aus handgeschöpftem Papier, das aus einer Manufaktur in Cumbria stammt.
Die Seiten sind aus recycelten Denim-Resten gefertigt, und das darin enthaltene Indigo verleiht ihnen einen sanften Blauton. Ich finde, dieser Ansatz passt perfekt zu meiner Arbeit und unserer Philosophie. Wir würden dieses Sortiment gerne noch weiter ausbauen – mit besonderen Papieren, die auch für Aquarell oder Skizzen geeignet sind. Wir möchten Notizbücher für Künstlerinnen und Künstler herstellen, in denen man all seine Ideen festhalten kann.

Deine Arbeit umspannt Bildhauerei, Textilkunst, Druckgrafik und das Färben mit Naturmaterialien. Wie hängen diese Disziplinen miteinander zusammen?
Ich glaube, Shaun und ich haben uns beide zur Bildhauerei hingezogen gefühlt, weil sie so interdisziplinär ist. Unsere Herangehensweisen sind zwar unterschiedlich, aber unsere kreativen Instinkte sehr ähnlich: Wir lassen uns beide von dem Prozess und den Materialien leiten. Das Schöne an der Bildhauerei ist, dass man sich von einer Idee leiten lässt und nicht nur von technischen Aspekten. Man beginnt mit einem Konzept, dann wählt man das Material aus, mit dem man es am besten umsetzen kann.
Neben Bildhauerei habe ich auch Textildesign studiert und ein Jahr als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Heriot-Watt University verbracht, wo ich mich mit Naturfarben beschäftigt habe. Diese beiden Welten inspirieren sich gegenseitig. Die Arbeiten, die wir derzeit ausstellen, sind Steinskulpturen, die in handgefärbtes, indigoblaues Leinen gehüllt sind. Diese Kombination als Stein und Stoff finde ich einfach faszinierend. Shaun arbeitet mit Metall, Holz und Installationen. Die Galerie sollte von Anfang an dynamisch, vielseitig und immer in Bewegung sein.
Die Druckgrafik ist ein weiterer wichtiger Teil unserer Arbeit. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass so viele Bildhauer letztendlich damit anfangen. Denn auch hier hat man es mit Maschinen, mit einem Prozess und mit analogen Materialien zu tun. Ich freue mich schon total darauf, Druckgrafik-Workshops in diesem Atelier zu geben. Es erfüllt mich, zu unterrichten. Die Menschen lieben es, etwas zu schaffen, das sie dann gleich auch in den Händen halten können. Mit Papier und Druckfarben lässt sich so viel machen.

Es gibt immer mehr KI-generierte Kunst. Glaubst du, dass handgefertigte Werke dadurch an Wert gewinnen?
Darüber sprechen Shaun und ich oft. Wir erinnern uns regelmäßig daran, dass wir schon vor dem Internet und vor Social Media Kunstschaffende waren. Und wir versuchen, ganz in der analogen Welt zu bleiben. Wir nutzen digitale Tools zwar für das Geschäftliche, aber unsere künstlerische Arbeit soll davon nicht beeinflusst werden.
Unsere Umgebung hilft dabei auch. Wenn man in einem kleinen Dorf auf dem Land lebt, steht Technologie nicht im Vordergrund, und das ist uns wirklich wichtig. Neben Notizbüchern und Schreibwaren führen wir in der Galerie auch Künstlerbedarf, denn dafür gibt es in unserer Region gar kein Geschäft. Seit unserer Eröffnung vor wenigen Monaten war die Resonanz durchweg positiv. Zu sehen, wie begeistert die Menschen sind, wenn sie diesen Raum voller Farben, Notizbücher und Materialien betreten, war wirklich ermutigend. Ich glaube, die meisten von uns sehnen sich insgeheim nach so etwas. Vor allem kreative Menschen lieben all die traditionellen Methoden, die es gibt, um Ideen zu verwirklichen und festzuhalten.
Wenn das Atelier eröffnet, werden wir die Besuchenden durch die Galerie und in den Raum führen, in dem unsere Werke entstehen. So können sie unseren Schaffensprozess hautnah erleben und sehen, wie aus einer Idee ein Objekt wird. Ich glaube, das wird ein wirklich rundes Erlebnis sein. Nach so etwas sehnen sich viele Menschen.

Letzte Frage: Was würdest du jemandem raten, der davon träumt, ein eigenes Atelier zu eröffnen?
Zunächst einmal muss man sagen, dass wir unglaubliches Glück mit diesem Gebäude hatten. Wir haben aber auch sehr lange darauf gewartet: sechzehn Jahre! Mein wichtigster Rat ist daher ganz einfach: Verliere deinen Traum nicht aus den Augen.
Als wir im Dezember unsere Eröffnungsparty hatten, sagten unsere Freundinnen und Freunde, die uns schon seit Jahren kennen: „Das wolltet ihr schon so lange.“ Sie waren so stolz auf uns und darauf, dass wir unseren Traum nie aufgegeben haben. Und hätten wir dieses Gebäude nicht bekommen, dann hätten wir irgendwann ein anderes gefunden.
Wir haben fast alle Renovierungsarbeiten selbst übernommen: die Holzbauten, die Elektrik, die Klempnerarbeiten, die Inneneinrichtung. Wir haben uns kreativ so richtig ausgetobt. Aber der schönste Moment war, als wir uns wieder auf unsere Kunst konzentrieren konnten. Es war herrlich, wieder zurück in unsere Routinen zu finden und diesen Flow zu spüren. Etwas zu erschaffen und sich dabei einfach nur gut zu fühlen. Von einer Idee zur nächsten zu kommen.
Also: Hab Geduld. Gib deinen Traum nicht auf und setze ihn um.
Phillippa Henley ist Bildhauerin, Textilkünstlerin und Mitgründerin von Rùda Studio and Gallery in St Boswells in der Region der Scottish Borders. Ihre Werke kannst du dir auf rudastudio.com oder Instagram unter @rudastudio anschauen.