Die Künstlerin Ashley Nguyen aus Los Angeles illustriert, entwirft Muster und arbeitet im Kunstverlag. Mit uns spricht sie über „heimliches Skizzieren“ unterwegs, gibt Neulingen in der Illustration Tipps und enthüllt, woraus sie die Inspiration für ihre Arbeit zieht. 

Wo bist du aufgewachsen?

Ich wurde im kalifornischen Long Beach geboren, habe aber auch vier Jahre an der Ostküste verbracht, wo ich 2024 an der Rhode Island School of Design meinen Abschluss in Illustration machte. Jetzt bin ich wieder zurück in L.A. und versuche, bei der Kunstszene hier einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Haben Kunst und Illustration dich schon immer interessiert? 

Ich habe schon als kleines Kind wahnsinnig gerne gezeichnet und gemalt. In der Highschool entdeckte ich dieses Interesse wieder und ging es ernsthaft an. Ich bewunderte viele zeitgenössische Kunstschaffende in der Welt der Illustration. Zu sehen, was sie kreieren konnten, inspirierte mich dazu, meine eigenen Fertigkeiten auszubauen.

Du arbeitest in vier großen künstlerischen Bereichen. Fangen wir mit der Illustration an. Du schaffst wunderschöne, farbenfrohe Illustrationen, häufig mit Menschen drauf. Erzähl uns mehr darüber.

Die meisten meiner Zeichnungen sind figurativ. Das hat den Hintergrund, dass ich, Charaktere erschaffen wollte, die meine persönlichen Beziehungen widerspiegeln. Ich wuchs in einer ungewöhnlich großen Familie auf – mit fünf Geschwistern, alle mit wenig Altersabstand. Das Chaos kann man sich vorstellen.

Meine Umgebung war also kontinuierlich stimulierend, mit unterschiedlichen Unterhaltungen zur selben Zeit, vielen Spielen, aber auch Streits und Spannungen. Meine Charaktere begannen, sich durch Projekte mit dem Thema familiäre Beziehungen zu formen. Dabei erkundete ich das Spannungsfeld von Liebe und Hass zwischen Geschwistern und reflektierte durch meine Arbeit unsere gemeinsamen Kindheitserfahrungen.

Du hast auch an einigen Büchern mitgearbeitet – kannst du uns dazu mehr erzählen?

Seit ich zeichne, sammle ich Kunstbücher. Als Inspirationsquelle, aber auch, weil ich Kunstschaffende bewundere, die ihre eigenen Bücher kreieren oder veröffentlichten. Durch dieses Interesse stieß ich irgendwann auf die Welt des Grafikdesigns und Verlagswesens. Ich habe ein paar eigens verlegte Bücher kreiert, darunter persönliche Arbeiten oder Projekte für andere Künstlerinnen und Künstler.

Ein Beispiel ist ein Zine, das ich für ein Klassenprojekt erstellt habe. Ich wollte ein Künstlerbuch machen, das die Vertikalität der Vogel- und Blumenkunstwerke des japanischen Grafikers Hiroshige aufzeigte – aber aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel. Ich wollte die symbiotische Beziehung zwischen Vögeln und Blumen darstellen. Jede Seite legt den Fokus auf einen bestimmten Vogel und eine bestimmte Blumenart. Ich habe außerdem eine japanische Buchbindetechnik benutzt, damit man ganz leicht durch die Seiten blättern kann.

Ein anderes Buch, an dem ich gearbeitet habe, war Santos Maru. Dazu kam es während meines Praktikums am japanisch-amerikanischen Gemeinschaftszentrum in Los Angeles. Mein Betreuer Hirokazu Kosaka fragte mich, ob ich ein Buch für ihn entwerfen könnte. Er hatte jede Menge Fotografien, die seine Einwanderungsreise von Japan in die USA dokumentierten. Er und sein Bruder gingen als kleine Kinder ganz alleine an Bord des Dampfers Santos Maru, während ihre Eltern in den USA auf sie warteten.

Auf den Fotos waren die Frauen zu sehen, die sich während der Reise um ihn und seinen Bruder kümmerten. Diese Frauen gingen schlussendlich nach Brasilien und Hirokazu versuchte später, sie anhand der Passagierlisten wiederzufinden.

Irgendwann fand er sie und als das Buch veröffentlicht war, schickte er ihnen ein Exemplar. Für die Frauen war das ein wunderschönes Andenken und für mich ein herzerwärmendes Projekt.

Wie nutzt du deine Notizbücher von paper republic für deine Kunst?

Ich nutze die Zeichenbücher von paper republic für beobachtendes Zeichnen, wobei unterschiedliche Medien ins Spiel kommen. Außerdem habe ich noch ein anderes Refill mit dünnerem Papier für Miniaturzeichnungen und Notizen zu neuen Ideen. An der Kunsthochschule war es wichtig, regelmäßig im Skizzenbuch zu üben. Um zu experimentieren und Fortschritte visuell darzustellen, ob für Skizzen oder die Planung neuer Projekte.

Nach meinem Abschluss wollte ich weiterhin regelmäßig ein Skizzenbuch führen und beobachtendes Zeichnen macht mir sehr viel Spaß. Ich zeichne viele Menschen an öffentlichen Orten wie Cafés oder Restaurants. Im Grunde alle, die ich aus der Entfernung gut beobachten kann. Ich versuche dabei, so schnell wie möglich ihren Charakter einzufangen.

Das ist gar nicht so einfach, weil die Leute sich ständig bewegen und ihr eigenes Ding machen. Aber genau das macht es zu einer wunderbaren Übung für schnelles Skizzieren. So zu zeichnen ist aufregend, weil ich nur wenig Zeit habe, um eine lebendige Zeichnung fertigzustellen. Und ich versuche natürlich, diskret zu arbeiten und die Leute nicht zu bedrängen. Die Ergebnisse sind oft überraschend, weshalb ich diese Form des Experimentierens sehr genieße.

Du hast ein paar wunderschöne Printmuster für Kissen, Taschen und andere Dinge entworfen. Was ist die Geschichte dahinter?

Musterung ist ein visuelles Element, das ich gerne in meine Zeichnungen und Illustrationen einbaue. Dazu kommt, dass ich gerne Oberflächen designe, besonders, wenn es als zweidimensionale Oberfläche anfängt und sich dann durch funktionale Benutzung viele unterschiedliche Möglichkeiten in drei Dimensionen eröffnen.

Ich habe eine Kollektion mit vom Herbst inspirierten Designs geschaffen und dabei an natürliche Objekte gedacht, die die saisonale Veränderung reflektieren. Ich suchte nach einer Möglichkeit, traditionelle Medien und digitale Methoden zu kombinieren, um ein stimmiges Design zu erstellen.

Dafür malte ich die natürlichen Objekte per Hand in Aquarell und arrangierte sie digital. Dabei wollte ich das taktile Feeling des physischen Mediums beibehalten. Das Projekt hat mich viel darüber gelehrt, wie man physische und digitale Medien in einem Projekt vereinen kann.


Was gefällt dir als Illustratorin besonders am System von paper republic? 

Ich liebe, wie sehr man die Notizbücher individuell gestalten kann. Ich habe zum Beispiel kleine Anhänger an meinen grand voyageur gehängt und das Leder sogar mit meinen Initialen geprägt. Auch Papierqualität ist mir wichtig. Ich benutze gerne das drawing book  | 150 g/m² für Experimente mit unterschiedlichen Medien und Skizzen, weil es sowohl mit Tinte als auch mit Stiften auf Alkoholbasis funktioniert.

Das Zeichenbuch nutze ich für ausgefeiltere Zeichnungen und das kleinere Refill mit 80 g/m² für schnelle Skizzen und Notizen. Es fühlt sich an wie zwei Notizbücher in einem, die man aber trotzdem perfekt getrennt halten kann.

Ich war schon immer Fan von Schreibwaren und habe viele verschiedene Notizbücher ausprobiert. Was mir an denen von paper republic am meisten gefällt, ist die einzigartige Patina, die mein persönliches Leben widerspiegelt. Ich habe mein Skizzenbuch immer dabei und wenn ein Refill voll ist, kann ich einfach ein neues einsetzen und mein originales petrolblaues Cover trotzdem weiternutzen.

Wo findest du Inspiration für deine Kunst?

Museen oder Galerien sind eine tolle Inspirationsquelle für mich. Zu sehen, was andere Kunstschaffende in ihrer Lebenszeit schaffen konnten.

Zum Beispiel gefällt mir an den Holzschnitten von Hiroshige, wie detailreich und subtil die Arbeit ist. Ich bewundere die künstlerischen Prinzipien aus Ostasien generell und lasse mich gerne davon inspirieren.

Ich betrachte auch gerne Kunstobjekte außerhalb meines eigenen Dunstkreises, wie Ölgemälde oder Skulpturen. Denn man kann von anderen Formen des Schaffens auch immer etwas für sich mitnehmen. Es gibt immer Neues zu lernen, von allem um einen herum.

Was steht für dich als Nächstes an?

Aktuell arbeite ich an vielen eigenen Projekten, baue mein Portfolio auf und suche Möglichkeiten zur Ausstellung. Auch das Verlagswesen interessiert mich, also erkunde ich weiterhin die Welt der Kunstbücher. Mein Portfolio ist ziemlich ausgewogen, wodurch es schwierig einzuordnen ist. Man sieht, dass ich viele unterschiedliche Interessen habe.

Welchen Rat hast du zum Abschluss für andere, die ins Illustrieren einsteigen wollen? 

Wenn man Zeichnen lernt, ist es hilfreich, zunächst Künstlerinnen und Künstler zu kopieren, die man selbst gerne mag. So kann man erst mal die künstlerischen Elemente erkunden, zu denen man sich hingezogen fühlt. Gleichzeitig ist es wichtig, seine eigene Stimme zu finden und eigene Techniken zu entwickeln. Wenn du dich auf das konzentrierst, was du magst, werden die richtigen Menschen irgendwann von selbst auftauchen, die deine individuelle künstlerische Arbeit zu schätzen wissen.

Indem du jeden Tag zeichnest, findest du heraus, was dich visuell interessiert. Mir hat geholfen, bei Experimenten nicht zu zaghaft vorzugehen. Wenn etwas nicht ganz funktioniert, kann man immer davon lernen und es nächstes Mal besser machen. Dranbleiben ist alles, um eine eigene Bildsprache zu entwickeln, und es wird viele Kunstwerke dauern, bis du sie hast.

Wenn ich auf meine früheren Werke zurückblicke, kann ich genau sehen, wie sie mich schlussendlich dorthin gebracht haben, wo ich jetzt bin. Und der wichtigste Tipp: Schaffe Kunst, die dir Freude macht.

Mehr über Ashleys wunderbare Kunst findest du auf AshleyNguyen.art und ihrem Instagram-Kanal.

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